Freitag, 7. Juni 2013

Anforderungen werden durch Menschen erstellt.

These:Gute Software benötigt gute fachliche Anforderungen.

In den folgenden beiden Posts werden ich zur Einleitung dieses Themas zwei Kapitel meiner Diplomarbeit posten. [BAU09]

Einer der wichtigsten Aspekte der Erstellung von Anforderungen ist, dass sie in einem kommunikativen Prozess zwischen Menschen entwickelt werden. Eine Nichtbeachtung dieser kommunikativen Aktivitäten zwischen Menschen wäre eine wesentliche Auslassung bei der Erarbeitung eines Arbeitsablaufes für die Anforderungserstellung.



Die nachfolgenden Betrachtungen basieren auf den Erkenntnissen der Kommunikationspsychologie von Friedmann Schulz von Thun. [THUN93]

Die Menschen im Prozess der Anforderungserstellung können sich in einem Netzwerk vorgestellt werden. Die Knoten sind die beteiligten Personen, die Kanten stellen die Interaktionsbeziehungen dar.

Interaktionsnetzwerk


Der Prozess wird durch eine Vielzahl von Interaktionsbeziehungen gekennzeichnet. Dadurch entsteht kommunikative Komplexität, die durch eine Form der Beziehungsgestaltung geordnet werden muss, um den Prozess effektiv und effizient zu gestalten.

Eine Interaktionsbeziehung zwischen Menschen kann als Prozess zwischen Sender und Empfänger aufgefasst werden. Sender und Empfänger sind Rollen, die von den beteiligten Personen wechselseitig eingenommen werden können. Der Sender sendet eine Nachricht an den Empfänger. Der Sender verfolgt mit dem Senden der Nachricht eine Absicht. Bei der Anforderungsdefinition sollte es im besten Falle darum gehen, einen Sachinhalt zu übermitteln.

Die Gestaltung der Nachricht wird jedoch auch durch die Selbstoffenbarung beeinflusst. Möchte man als besonders geistreich erscheinen, wählt man komplizierte, mit Fremdworten gespickte Nachrichten. Außerdem beeinflusst die Beziehung zwischen den Interagierenden die Nachricht. Ist der Empfänger dem Sender unangenehm, wählt er einen kurz angebundenen Kommunikationsstil. In jeder Nachricht ist auch ein Appell an den Empfänger versteckt. Die gesendete Nachricht kann so zum Befehl werden.

Wenn ein Stakeholder die Aussage tätigt, "der Button soll insensitiv sein", dann verbirgt sich dahinter die Sachaussage, dass der Button insensitiv sein soll. Über die Selbstoffenbarungsseite will der Stakeholder vielleicht darauf aufmerksam machen, dass er nicht nur den Begriff Schaltfläche, sondern auch den Begriff Button kennt. Er kennt sich also aus in der Fachwelt der Informatik. Auf der Beziehungsebene hat der Stakeholder diese Aussage vielleicht von oben herab getätigt. Er zeigt damit an, ich bin der Chef und du bist der Diener. Auf der Appellseite ist dann wahrscheinlich nicht zu überhören gewesen, dass der Satz als Befehl erteilt wurde. Mach das so und nicht anders.

Die vier Aspekte, die bei der Gestaltung der Nachricht wirksam sind, Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell, spielen genauso eine Rolle beim Empfangen der Nachricht. Jeder Mensch bewertet die Aspekte aus seinem Erfahrungshorizont. Eine Nachricht, die von einem Sender nicht als Appell gemeint war, kann vom Empfänger durchaus als solcher verstanden werden.

Modell der zwischenmenschlichen Kommunikation nach [THUN93]


Wichtig für den Prozess der Anforderungsermittlung ist es, dass Nachrichten verständlich und mit einem hohen Grad an Sachinhalt ausgetauscht werden. Das ist nicht durch eine Unterdrückung der anderen Aspekte zu erreichen. Diese dürfen sich jedoch nicht deformierend auf den Sachinhalt auswirken. Im gegenwärtigen Klima der realen Arbeitswelt ist das jedoch eine schwer durchzusetzende Anforderung. Sie ist ein Gebilde, in dem Unterordnung, Machpolitik und Existenzabsicherung eine große Rolle spielen. Dadurch ist es für den Einzelnen wichtig, sich richtig darzustellen (Selbstoffenbarung), seine Beziehungen zu Untergebenen oder Vorgesetzten angemessen zu gestalten (Beziehung) und mit seinen Aussagen auch Arbeitsanweisungen in Umlauf zu setzen (Appell). Diese Wirklichkeit kann starke Deformationen des Sachinhaltes nach sich ziehen. Der Sachinhalt kann im Extremfall sogar zur Nebensache verkommen.

Zu beobachten sind unter anderen folgende Verhaltensweisen, die eine auf den Sachinhalt ausgerichtete Kommunikation behindern oder sogar blockieren:
  • Sperren oder Blockieren
  • Bewusstes oder unbewusstes "Weglassen" bzw. Vergessen von wichtigen Details ("Mal sehen, wann er es merkt …")
  • Offene Konfrontation ("So nicht!")
  • Politische Gegenspiele über andere Kollegen und Vorgesetzte
Diese Punkte wurden aus [JAV0606] entnommen.

Neben dieser unbestreitbaren Wirklichkeit existiert jedoch die Möglichkeit der Sachinformation zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu ist ein offenes Arbeitsklima herzustellen. Im Folgenden zähle ich Punkte auf, die meiner Meinung nach wichtig für die Gestaltung eines solchen Klimas wären:
  • Ein offenes Diskussionsklima, welches durch die Wertschätzung der Beteiligten gekennzeichnet ist.
  • Eine Leitung, die lenkt. Keine Leitung, die bevormundet oder durch ständige Kontrolle anzeigt, dass Vertrauen fehl am Platze ist.
  • Ein Klima, in dem Fehler schnell erkannt werden. Entdeckte Fehler werden als Gewinn gesehen, da unentdeckte Fehler weiterhin schädlich wirksam sind.
  • Förderung eines Klimas der gegenseitigen Hilfe, in der die einzelnen Beteiligten voneinander profitieren.
  • Keine Reduzierung der Beteiligten auf Arbeitsprozessbestandteile. Die Personen müssen als Persönlichkeiten wahrgenommen werden.
  • Eine angemessene Metakommunikation. Damit ist der Prozess der Kommunikation über die Kommunikation gemeint.
  • Installieren von Konfliktverarbeitungsprozessen. Für die Behebung von Konflikten sind Rituale einzuführen, die von den Beteiligten allgemein akzeptiert werden.
  • Wichtig sind außerdem Beteiligung und Information. Gemeinsam entwickelte Ideen führen zu einer hohen Akzeptanz in der Ausführung. Das Übermitteln von Information drückt Wertschätzung aus, so wie das Unterdrücken von Information Ausschluss bedeutet.



  • [BAU09] Ralf Baumann: "Entwicklung eines Arbeitsablaufes für die Entwicklung von Anforderungen an eine Software durch den Auftraggeber.", Diplomarbeit an der FH Trier, 2009
  • [JAV0606] Uwe Vigenschow, Guido Zokoll: „Erfolgsfaktor Mensch, Teil 1: Wieso Entwickler nicht reden und Fachbereiche nicht programmieren können“, Javamagazin, Ausgabe 6 2006 S.61-S.64
  • [THUN93] Friedmann Schultz von Thun: „Miteinander Reden“, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1993
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1 Kommentar:

  1. Der Klassiker: "Die Ampel ist grün, Schatz." Wie viel Sachinformation steckt in diesem Satz und wie viel "unsachliches"? Und das potenziert in einem Netzwerk von Sendern und Empfängern - da muss man als Requirements Engineer ein halber Psychologe sein.

    Ciao Ralf

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