Samstag, 27. Juli 2013

Demokratische Teamstrukturen

These: Menschen, die sich wohl fühlen, Menschen, die geachtet werden, schaffen beachtliche Software.

Der Satz, "eine Unternehmen ist keine Demokratie", habe ich schon von mehreren Seiten zu Gehör bekommen. Besonders leitende Persönlichkeiten scheinen demokratische Strukturen als Bedrohung zu empfinden. Dabei wird die ganze Kiste der Ressentiments gegen die Demokratie aufgefahren. Denkt man darüber nach, beschleicht einen die Empfindung, dass diktatorische, zentralistische Systeme als effektiver empfunden werden. Meine Geschichtswahrnehmung hat jedoch Anderes gesehen. Mit der Freisetzung von Demokratie kam es zur Explosion von Kreativität und Produktivität. Die Explosionen autokratischer Denkmuster sind zumeist menschenverachtender, wenn nicht gar noch schlimmerer Art. Deswegen denke ich, es ist an der Zeit Demokratie im Team zu wagen.

Wie schon angekündigt, wollte ich mir über die Verankerung von Gewaltenteilung in der Teamarbeit Gedanken machen. Ich halte die Gewaltenteilung für eine der größten Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Und frei nach dem Motto "von positiven Beispielen kann man lernen", könnte man das auch in der Arbeitswelt versuchen. Im Folgenden werde ich alle vier Gewalten auf ihre Anwendbarkeit hin untersuchen: Legislative, Exekutive, Judikative und die Presse. Die Gewaltenteilung dient der Machtbegrenzung und der Sicherung von Gleichheit und Freiheit, so jedenfalls das Versprechen. Auf eine Firma übertragen heißt das, es wird sichergestellt, dass nicht alles wissende Leitungspersönlichkeiten, die oft die gesamte Motivation zerstören, in ihrem Machtstreben positiv begrenzt werden, und dass für denkende Persönlichkeiten Grundlagen für Motivation und Kreativität gelegt sind.

Fangen wir mit der Legislative an. In einem Scrum-Team gibt es den Product Owner und das eigentliche Team. In gemeinsamen Meetings werden die Grundlagen der Arbeit festgelegt. Wie will man zusammenarbeiten? Wie soll die Projektplannung aussehen? Welche Tools will man benutzen? Welche Anweisungsstrukturen sind zu akzeptieren? Wie sehen die Fehlerkreisläufe aus? Wie reagiert man auf Fehlentwicklungen? In kleinen Teams sollten diese Entscheidungen im Konsens erfolgen. Für größere Teams, die sich aus mehreren Subteams zusammensetzen, kann man auch andere Entscheidungsformen wählen. In jedem Fall ist aber eine Entscheidung zu fällen, in der das Herz der Einzelnen hinter der Entscheidung steht. Formal abgestimmte Regeln, die im Ermüdungskonsens geschlossen wurden, haben denselben Effekt wie Dekrete und Verordnungen. Die Gesamtheit der Regeln ist zu dokumentieren und bildet die gesetzliche Grundlage des Teams. Wie alles kann sie sich im Laufe der Zeit ändern. Und geändert wird sie durch den Souverän, das ganze Team.

Der Exekutive ist die Überwachung der Ausführung der Regeln anvertraut. Die Rolle der Exekutive könnte der Scrum-Master übernehmen. Beschlossene Regeln müssen ausgeführt werden, können aber zur Änderung empfohlen werden. An den dokumentierten Regeln können Änderungswünsche notiert werden. Wenn ein festgelegter Prozentsatz Änderungen wünscht, muss die Regel verändert werden. Die Rolle des Scrum-Master ist vom Team zu bestätigen. Die einzelnen Mitglieder sollten sich durch Kompetenznachweise auf eine Rolle bewerben und sie sollten durch das Team in ihrer Rolle bestätigt werden. Jeder ist durch das Team auch von seiner Rolle zu entheben.

Die Judikative ist die richterliche Gewalt. Sie sollte außerhalb des Teams angesiedelt werden und durch mehrere Rollen besetzt werden. Hier könnte ein Mitglied des Managements und ein Mitarbeitervertreter einstimmige Beschlüsse fassen. Entscheidungen können nur zu Regelverstößen getroffen werden, die demokratisch erstellt wurden und zu denen eindeutige Konsequenzen bestimmt wurden. Auf diese Art und Weise würde die Willkür des Mittelalters aus modernen und kreativen Unternehmen verschwinden.

Die Presse wäre ein anonymer Firmen- oder Teamblog, in dem jeder aus seiner Sicht die Zustände ungestraft kritisieren kann. So würde sich ein gutes Bild über den inneren Zustand des Unternehmens abzeichnen. Das wäre ein wesentlicher Punkt für die Unterscheidung von Sein und Schein. Alle Mitarbeiter des Unternehmens, vom Manager bis zum Entwickler, und auch die Eigentümer könnten sich jederzeit ein Stimmungsbild machen und frühzeitig in Demotivationsprozesse eingreifen, zum Beispiel, indem sie in die anonyme Diskussion eingreifen.

Im Grunde habe ich nur verschiedene Ideen angerissen und erwarte eigentlich erheblichen Widerspruch. Doch genau diese Diskussion möchte ich führen und bin besonders gespannt auf Ideen, den Istzustand zu verändern.

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1 Kommentar:

  1. Kein Widerspruch, sondern Bestätigung. Ich hab dazu auch zwei Literaturtips:
    1.) Beyond Budgeting - hier gibt's eine Zusammenfassung und Links.
    2.) Gemeinwohlökonomie - hier wird beschrieben, warum Unternehmen und Teams demokratisch geführt werden sollten und was ein gesellschaftlicher Weg dahin ist: http://www.amazon.de/Die-Gemeinwohl-%C3%96konomie-Aktualisierte-erweiterte-Neuausgabe/dp/3552061886

    LG,
    Michael Jerger

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