Sonntag, 29. Dezember 2013

Software durch Menschenhand schaffen – ein Wunsch am Jahresende.

These: Menschen die sich wohl fühlen, Menschen die geachtet werden schaffen beachtliche Software.

Könnte man kleine Teams bilden, bestehend aus 3 bis 4 Entwicklern und Entwicklerinnen? Könnten sich diese kleinen Teams zu größeren Teams zusammensetzen? Zuerst zu Doppelteams, dann zu immer größeren Einheiten? Könnte sich eine Organisation von unten nach oben etablieren, je nach den Erfordernissen der Wirklichkeit?

Ich denke, es wäre möglich. Jede Organisation ist eine durch Menschenhand geschaffene Einheit. Aus diesem Grund ist es auch möglich eine andere Form der Organisation zu erschaffen. Bleibt die Frage, wozu? Weil Kreativität sich weder beherrschen noch managen lässt? Weil denkende Menschen sich selbst organisieren und managen können? Weil jede Form von Arbeit nur ein Teildienst am Ziel der Gesamtaufgabe ist, die durch einen Sinn bestimmt sein sollte?

Ein Sinn, der von allen Mitarbeitern getragen werden sollte. Natürlich wird auch dieser Sinn durch äußere Randbedingungen eingeschränkt. Gesellschaftliche Bedingungen wurden in wesentlich größeren Zusammenhängen, über lange geschichtliche Verläufe, geschaffen. Ihre Wirkmächtigkeit erscheint uns naturgesetzhaft zu sein. Dennoch, es sind durch Menschenhand geschaffene Zustände. Nichts, was Menschen schaffen, muss auch so bleiben. Es wäre zumindest denkbar im Rahmen kleiner Veränderung Anderes zu schaffen. Dieses Andere könnte Rückwirkungen auf das große Ganze haben. Ein Weg pragmatischer Veränderung.



Die Grundstruktur dieser Organisation sollte die Infragestellung sein. Nichts sollte unbegründet hingenommen werden. Zumindest sollte alles in Frage gestellt werden dürfen. Ein erster Grundgedanke sollte das Ziel der Organisation sein. Was würden Sie zu folgender Zieldefinition sagen: Wir machen für jeden alles, Hauptsache es bringt Geld. Eine Definition die uns zu moralischen Schnellschüssen verleitet. Haben wir selbst eine so feste Moral? Ist in der Organisation, in der Sie arbeiten, eine ethische Grundlage vorhanden. Darf diese, wenn sie denn existiert, Infrage gestellt werden? Haben Sie Einfluss auf diese ethische Grundlage und können Sie sie ändern?

Ein erster Bestandteil einer Organisation wäre also eine Ethik. Natürlich eine Ethik, die nicht dogmatisch ist, eine Ethik die diskutiert und geändert werden darf. Die Organisation, um die es hier geht, sollte eine Definition von Ökonomie besitzen. Eine Randbedingung der uns umgebenden Gesellschaft scheint mir zu sein, Wirtschaftseinheiten zu schaffen, die mehr einnehmen, als sie ausgeben und mit dem erwirtschafteten für die Mitglieder ein akzeptablen Lebensstandard gewährleisten.

Ein weiteres zu definierendes Ziel sollte also die Dienstleistung oder das Produkt sein, mit dem dieses zu gewährleisten wäre. In der Einheit von Lean Startup und Firmenethik könnte man nun ein solches Produkt bzw. Eine solche Dienstleistung entwickeln, die oder das auch wirklich durch einen Kundenstamm gewünscht wird. Beim Lean Startup geht es darum Kontakt zu möglichen Kunden aufzubauen und im Feedback das Produkt zu entwickeln. In kurzen Intervallen wird dem Kunden immer wieder die Absicht vorgeführt, durch seine Rückmeldungen ändert er die Richtung, verhindert Fehlinvestitionen, führt die Absicht letztendlich zum wirklichen Kundenwunsch. Lesen Sie dazu das Buch von Eric Ries. [RIES12]



Doch nun zu ganz praktischen Schritten. Stellen Sie sich vor, eine solche Firma würde sich gründen. In einer Stadt finden sich vier Menschen zusammen. Diese Vier verfügen über unterschiedliche Fähigkeiten. Sie können programmieren, wissen wie man Anforderungen erhebt, wie man die Architektur einer Anwendung aufsetzt und wie man die Anwendung von Anfang an in einem Qualitätsrahmen aufbaut. Mit diesen Fertigkeiten ausgestattet, wollen sie ein gemeinsames Projekt aufsetzen. In der gemeinsamen Arbeit verwirklichen sie die Ideale von Gleichberechtigung, gegenseitiger Hilfe, gemeinsamen Unternehmertum und Verantwortung. Sie sind sich einig, dass ein solcher Wunsch sich nur auf der Grundlage von Vertrauen bauen lässt. Vertrauen bildet sich in gemeinsamer Arbeit, in Handlungen, die Vertrauen erzeugen. Dazu wird Zeit benötigt. Deshalb treffen sie sich über ein halbes Jahr, besprechen ihre Pläne und Absichten.

In dieser Zeit vertieft sich die Ethik ihrer Vision. Es werden Konflikte ausgetragen. Sie finden einen respektvollen Umgang mit Konflikten, einen Weg in dem diese Schwierigkeiten besprochen werden, bei dem Fehlentwicklungen korrigiert werden. Da die Gruppe es schafft diese Grundlage zu finden, kann sie ein erstes Ziel definieren, dass den Inhalt späterer Geschäftstätigkeit andeutet. Alle sind der Meinung, Lean Startup ist ein effektiver und effizienter Weg das zukünftige Produkt zu finden. Dabei helfen gewisse Vorleistungen einzelner Mitglieder. Der eine hatte einen recht gut laufenden Blog, der andere besitzt gute Kontakte. Man entwickelt gemeinsam ein erstes MFP (minimal funktionsfähiges Produkt) und stellt es über erste Kommunikationskanäle einem Publikum vor. Gleichzeitig wird ein Business Model Canvas erstellt, welches das Geschäftsmodell diskutiert. [OSTER11]

In dieser Phase hoffentlich stürmischer Feedbackschleifen gibt sich die Gruppe immer wieder Ruhepausen, in denen über das Erreichte nachgedacht wird. Auch jetzt werden Fehlentwicklungen gemeinsam korrigiert, gute Ideen ausprobiert und geprüft und der Rahmen eventuell angepasst. Nichts ist starr, alles kann im Fluss sein, doch jeder wird mitgenommen, entscheidet mit und weiß wo er steht. Es gibt einen Zeitpunkt, an dem Einnahmen entstehen, es gibt einen Zeitpunkt, an dem die Vier zu ihrem unternehmerischen Risiko stehen und den Weg ihrer Idee gehen. Ab diesem Zeitpunkt sind sie eine Firma. Sie haben etwas geschaffen, auf das sie Stolz sein können, nicht einfach eine Firma, sondern ihre Firma. Eine Firma auf die sie Einfluss haben und deren Weg sie mitbestimmen können.



Doch mit vier Menschen muss dieser Traum nicht beendet sein. Neue Gruppen können sich bilden, eine Ethik und ein Produktziel finden. Auch sie können die Firmenschwelle überschreiten. Diese Ökonomisch wirksamen Gruppen können sich zu größeren Einheiten zusammensetzen, entweder zu sich gegenseitig helfenden Firmennetzwerken oder zu neuen Firmen. Das Grundprinzip der Infragestellung bleibt. Sie werden auch weiterhin nach neuen Wegen suchen, Fehlersuchekreisläufe und Fehlerbehebungskreisläufe werden feste Bestandteile dieser Firmen bleiben.

Diese Firmen werden die ökonomischen Gesetze unserer Gesellschaft nicht aushebeln, sie könnten jedoch den Euphemismus von Arbeitgeber und Arbeitnehmer abschaffen, sie machen den Einzelnen zum Eigentümer und Unternehmer, sie fördern Mitbestimmung und den Einfluss derer, die die Arbeit leisten. Sicherlich wäre ein solcher Ansatz nur etwas für Menschen, die nicht über andere herrschen, die aber auch nicht unter anderen dienen wollen, die in ihrem Gegenüber genauso zu achtende Wesen sehen, wie sich selbst und die, nicht zuletzt in der Unterschiedlichkeit eine gemeinsame Chance sehen.

Vielleicht würde es sich lohnen einen solchen Weg zu versuchen. Man könnte ganz klein anfangen. Ein Abend, ein Bier, ein Tee, ein Gespräch, die Absicht sich wiederzusehen, erste kleine Hilfeleistungen, das erste kleine Projekt. Also nichts unmögliches. Oder doch? Ist es ein nicht zu verwirklichender Traum, etwas, das es nicht wert ist, weitergedacht zu werden. Ein Unmögliches, nicht statthaft auf dem Weg korrigiert zu werden und den Traum Lebensfähig zu machen? Wie wäre es mit einer ersten virtuellen Runde, in der ich meine Ethik, mein erstes ökonomisches Firmenziel berichte und mich damit vielleicht auf eine konkrete Tischrunde einlasse.

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich für das Jahr 2014 Gesundheit und Glück.

  • [RIES12]: Eric Ries: „Lean Startup“, 1. Auflage, Redline Verlag, München, 2012
  • [OSTER11]: Alexander Osterwalder, Yves Pigneur: „Business Model Generation“, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2011


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