Freitag, 20. Juni 2014

Sind alle Menschen gleich?

HSM und Softwareentwicklung

Artikelübersicht
1. Teil Sind alle Menschen gleich?
2. Teil Hochsensible sind nichts Besonderes.


Die Menschen um uns herum zeigen eine Vielzahl unterschiedlichster Attribute. Die Unterschiedlichkeit springt nahezu ins Auge. Kein Mensch ist wie der Andere. Trotzdem herrscht ein unbändiger Drang nach Kommensurabilität. Man möchte die Subjekte miteinander vergleichbar machen, um sie in Nutzbarkeitslevel einordnen zu können. Dieser Zwang fängt früh im Menschenleben an. Offensichtlich wird er in der Schule, wo die unterschiedlichen Begabungen auf eine einzige Zensurenskala gepresst werden. Ist die eine Eins in Mathe jedoch mit der Anderen vergleichbar und was sagt eine Eins im Deutschaufsatz oder im Malen aus? Zumindest, dass das Werk dem Lehrer gefallen hat. Mehr leider jedoch oft nicht und eine Fünf in diesen Fächern bewirkt oft eine lebenslange Schreib- oder Malsperre. Bleibt der Fakt, das Messversuche Auswirkungen auf den zu bewertenden Menschen haben. Dieser Verantwortung müssen sich die Messenden bewusst sein.

Mit diesem Zwang zur Gleichmacherei zerstören wir jedoch die Gleichheit der Chancen. Diese müsste die Unterschiedlichkeit, die unterschiedlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten fördern. Die Messlatten sind eine Art Managmentfaulheit, um das humane Material schnell einordnen zu können und keinen Gedanken an die Unterschiedlichkeit der Individuen zu verschwenden. Das Herabdrücken des Unterschiedlichen auf ein Gleichmaß vernichtet ein Unendliches an Begabungen und an Menschlichkeit. Eines der schlimmsten Ergebnisse dieses Denkens ist die Erfindung des Kollektives. Hier retten wir uns in eine vorgefertigte Gleichheit, um uns abzugrenzen. Wir sind das Kulturvolk, die superklugen Programmierer, die Fans einer Sache. Mit dem Kollektiv wollen wir den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Wir versuchen die Unterschiede zu negieren und uns gleich zu fühlen. In der Realität sind wir immer noch so unterschiedlich wie eh und je, doch schlimmer, wir grenzen uns in noch härterer Form gegen alles Andere ab.

Um menschliches Leben in seiner Vielfalt abzubilden, produktiv werden zu lassen, ja leben zu lassen, gehört eine Organisation unseres Lebens, welche diese Unterschiede zum erblühen bringt. Es müsste ein System des gegenseitigen Respektes sein. Damit meine ich nicht das einseitige Einfordern von Respekt, sondern ein System, in dem sich der Respekt aufeinander bezieht. Für unterschiedliche Menschen müsste es unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten geben. Alle Organisationsformen, Traditionen und Verhaltensweisen gehören Infrage gestellt, die diese Unterschiedlichkeit negieren und damit den einzelnen Menschen an sich. Oft sind wir uns nicht bewusst, wie wir zu dem geworden sind, was wir heute darstellen. Und wir können den Zustand auch nicht festhalten, ändern wir uns doch ständig weiter.



Eine interessante Hypothese lass ich bei Elaine N. Aron. Sie führt aus, dass jeder Mensch mit einem Reizverarbeitungssystem ausgestattet ist. Wir nehmen täglich unendlich viele Reize auf und müssen diese verarbeiten oder ignorieren. Zwei Grenzen im Reizverarbeitungssystem spielen eine große Rolle. Die eine Grenze ist die Grenze der Wahrnehmung. Bestimmte Reize sind zu gering als das wir sie wahrnehmen. Die andere Grenze ist die Reizüberflutung. Ein zu viel an Reizen führt zu Überreizung, zur Überforderung, zum Blockieren. Die Annahme ist, dass das Beschriebene bei allen Menschen so ist. Der Unterschied ist die bei jedem Menschen unterschiedliche Lage dieser Grenzen. Elaine N. Aron fand heraus, dass ungefähr 15 bis 20% der Menschen eine sehr feine Wahrnehmungsgrenze besitzen. Leider ist auch die zweite Grenze bei wesentlich weniger Reizen angesiedelt. Das führt zu früher Überlastung. Diese Menschen werden oft als Sensibelchen diskreditiert.

In ihren Arbeiten bezeichnet Elaine N. Aron diese Menschen als HSM (Hochsensible Menschen). Sie selbst zählt sich zu dieser Gruppe. Die Hochsensibilität bewirkt eine sehr feine Wahrnehmung der Außenwelt. Jede Form von unangenehmen Geräuschen, Krach, Gerüchen wird registriert. Wo der Nicht-HSM lustig mit Radiobeschallung arbeiten kann, verzweifelt der HSM. Das Großraumbüro ist ein Alptraum für ihn oder sie. Die immer unsensibleren Arbeitsbedingungen bauen für diese Menschen immer größere Hürden im Arbeitsalltag auf. Unter Kontrolle und Aufsicht legen wir einen HSM lahm. Er fühlt sich dermaßen überreizt, dass er fasst einen dummen Eindruck macht. Mitnichten sind diese Menschen jedoch dumm. Sie sind zu großartigen kreativen Leistungen fähig, wenn man sie denn lässt.

[ARON13] führt in Ihrem Buch die folgenden Merkmale auf, die diese Menschen wirklich einzigartig machen. "Verglichen mit Nicht-HSM sind die meisten von uns aber (eben die HSM Anm.d.Verf.):
  • besser im Aufspüren von Irrtümern und besser darin, sie zu vermeiden,
  • höchst gewissenhaft,
  • fähig, sich gut zu konzentrieren (wenn wir nicht abgelenkt werden),
  • besonders gut bei Aufgaben, die Umsicht, Sorgfalt, Schnelligkeit und das Aufspüren von feinen Unterschieden erfordern,
  • fähig, Wahrgenommenes auf einer tieferen Ebene des so genannten semantischen Gedächtnisses zu verarbeiten,
  • nachdenklich, was ihre eigenen Gedanken betrifft,
  • fähig etwas zu lernen, ohne sich des Lernvorgangs bewusst zu sein und
  • durch die Launen und Gefühlsäußerungen anderer sehr beeinflussbar.
" [S.35, ARON13]



Es wäre schon ein großer Verlust diese Menschen einfach auszuschließen, nur weil sie unsere schnelllebige Zeit, in der die Belastbarkeit eines Menschen wichtiger zu sein scheint als der Mensch selbst, nicht verkraften. Nun fragen Sie sich möglicherweise bin ich auch ein HSM? Sicherlich gehört mehr dazu als einen Fragebogen auszufüllen, aber es ist ein Anfang. (Hochsensibel Test) Seine Angst zu überwinden und diesen Umstand zu reflektieren ist jedoch eine weitere und vielleicht viel größere Herausforderung. Alle, die sich nicht zu den HSM zählen, bitte ich jedoch, Mut zu zeigen, anzuerkennen, dass es diese Menschen gibt und einen Beitrag dafür zu leisten, damit sie in unserer Arbeitswelt bestehen können. Wenn das Management seine Aufgaben erledigt hat, sind diese Menschen zu großen Leistungen fähig. Wichtig ist eine erwachsene Unternehmenskultur, die den Einzelnen und seine Bedürfnisse achtet.

Mit diesem Post möchte ich eine kleine Reihe beginnen, die sich mit dem Thema Hochsensibilität und Softwareentwicklung auseinandersetzt. Dabei möchte ich eigene Beobachtungen und Erfahrungen in der Berufswelt reflektieren und zur Diskussion stellen. Vielleicht ist es möglich mehr Verständnis zwischen HSM und Nicht-HSM zu erzeugen, wenn man die Grenzen unseres Alltags sichtbar macht und wenn man aufzeigt welche Änderungspotentiale vorhanden sind.

  • [ARON13] Elaine N. Aron: "Sind Sie hochsensibel?", 9. Auflage, mvg Verlag, München, 2013


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1 Kommentar:

  1. Zu Beginn wird in diesem interessanten Artikel hergeleitet, warum die "Erfindung des Kollektivs" etwas schlimmes ist. Anschließend die Hypothese zitiert, dass es HSM und nicht-HSM gibt. Als Forderungen an den Leser entnehme ich, dass ich mit HSM verständnisvoller umgehen und den Selbsttest machen sollte.

    Der Selbsttest ist in meinen Augen nichts anderes als Selbst-"Managmentfaulheit" und führt dazu, sich selbst in ein "Kollektiv" einzuordnen. Noch dazu verführt es, sich selbst in eine Opferrolle zu begeben nach dem Motto "die nicht-HSM schikanieren mich". Daher ist der Artikel für mich in sich widersprüchlich und zeigt keine Lösung der Probleme, die anfangs geschildert werden und die ich ebenfalls sehe.

    Eine adäquate Lösung sehe ich in der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg. Hier wird der Mensch nicht _dauerhaft_ in Schubladen (HSM oder nicht-HSM) eingeordnet, sondern die (begrenzte) Veränderungsfähigkeiten der Individuen Rechnung getragen. Dass heißt es wird permanent auf die aktuelle Situation eingegangen, die negative Gefühle verursacht. Es geht also nicht um Verständnis für ein Kollektiv, sondern um Empathie und Engagement gegenüber Personen und sich selbst, die an einer unschönen Situation beteiligt sind.

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