Freitag, 25. Juli 2014

Hochsensible sind nichts Besonderes.

HSM und Softwareentwicklung

Artikelübersicht
1. Teil Sind alle Menschen gleich?
2. Teil Hochsensible sind nichts Besonderes.


Im letzten Post schrieb ich, dass Hochsensible (HSM) oft als Sensibelchen diskreditiert werden. In einem Kommentar wurde das persönliche Empfinden diesen Menschen gegenüber als überempfindlich und unter Dauermigräne leidend beschrieben. Es scheint eine besonders positive Eigenschaft zu sein, Härte gegen Andere und gegen sich selbst zu zeigen. Sensibilität wird kaum als positive Eigenschaft im Arbeitsleben wahrgenommen. In vielen Fällen wären Desaster jedoch zu vermeiden, wenn die Kontrollleuchten sensibler Menschen gesehen werden würden. An anderer Stelle wurde geäußert, dass HSM besser nicht als Programmierer einzusetzen wären. Falls sich diese Ansicht durchsetzt, würden 15 bis 20 % der Menschheit ausgeschlossen, nur weil sie so sind, wie sie sind. Viele Talente würden einfach verloren gehen, befinden sich doch in dieser Gruppe viele kreative Menschen, die in Bezug auf die Programmierung sehr begabt sind.

Damit möchte ich gleich mit einem Missverständnis aufräumen, welches ebenfalls geäußert wurde. Ich möchte die HSM nicht als besondere Gruppe hervorheben. Ich glaube, wir brauchen alle Menschen mit ihren Begabungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Leider ist unsere Arbeitswelt so eingerichtet, dass HSM in ihr schwer bestehen können. Ihre Veranlagung wird aufgrund ihrer Unangepasstheit an unsere Umwelt oft als zu weich bis hin zur Krankheit diskreditiert. Viele werden auch aus dem Job hinausgedrängt. Da es sich bei diesen Menschen nicht um eine laut schreiende Gruppe handelt, die ihre Rechte einfordert, wird diese Vergeudung von Kreativität und Können einfach hingenommen.

Ich bin davon überzeugt, dass Nicht-HSM sehr wohl höflich, vernünftig und kreativ sein können. Deshalb wären andere Arbeitsverhältnisse möglich. Auch wenn ich nicht unter Lärm so leide, wie mein Nachbar, kann ich Rücksicht nehmen und meine Vorstellungskraft soweit schulen, dass ich mitempfinden kann. Die Überheblichkeit eines HSM wäre es, Nicht-HSM diese Fähigkeiten abzusprechen. Nicht-HSM haben eben nur nicht so niedrig liegende Reizgrenzen, sie verkraften mehr Lärm, mehr Gerüche, erliegen nicht so schnell Gefühlen anderer. Beide Gruppen benötigen einander.

Die Einen sind die "Krieger", die vorwärts drängen, die Kämpfe ausfechten und Neuland erobern, die Anderen sind die "Berater", die zur Vorsicht mahnen, die das Gelände beobachten und Strategien erfinden. Die Einen können ohne die Anderen nicht sein. Heute scheinen die "Krieger" auf die mahnenden Worte der "Berater" verzichten zu können. Ob es früher besser gewesen ist entzieht sich meiner Kenntnis und ich habe starke Zweifel daran. Das Vorwärtsstürmen, das schnelle Geld, das Handeln an hat sich ist verselbstständigt. Man ist Stolz auf die Macher. Das Durchdenken von Prozessen, das Mitentwickeln einer Ethik, das Entwickeln nachhaltiger Systeme hat es leider sehr schwer. In Zeugnissen wird den Menschen bescheinigt, dass sie besonders belastungsfähig seien. Eine weitere Eigenschaft, die sich verselbstständigt hat. Was macht man mit den vielen Menschen, die nicht belastungsfähig sind, aber kreativ, einfallsreich, klug oder geschickt.



Eigentlich sollte der Mensch an sich der Wert und die Grundlage unserer Ethik sein. Unser Leben, so auch unsere Arbeitswelt, sollten diesen Grundsatz berücksichtigen. Die Ökonomie sollte für die Menschen da sein, nicht der Mensch für die Ökonomie. Vielleicht ist es möglich diese Verdrehung zu beheben. Im Nachhinein möchte ich nochmals eine Lanze für den Einsatz von HSM in der Softwareentwicklung brechen. Vielleicht kann man sich auf die Stärken und Schwächen von HSM einstellen, wie man es bei jedem Anderen natürlich auch machen müsste, und sie dann sinnvoll und zu ihrem und zum Vorteil aller Anderen einsetzen. Darunter würde ich eine verstandene Personalpolitik verstehen.

Um Hochsensibilität zu erkennen, kann man sich folgende Fragen stellen:"
  • Haben Sie überdurchschnittlich oft das Bedürfnis, sich vom Trubel und der Hektik der Welt zurückzuziehen?
  • Brauchen Sie Zeit für die gründliche Verarbeitung von Eindrücken?
  • Haben Sie ein reiches und vielschichtiges Innenleben?
  • Sind Sie sehr empfindlich auf Schmerzen, und/oder auf andere innere und äußere Eindrücke?
  • Verfügen Sie über eine ausgeprägte Intuition?
  • Können Sie bestimmte Geräusche und Gerüche kaum ertragen?
  • Werden Sie von den Stimmungen anderer Menschen stark beeinflusst?
  • Reagieren Sie ungewöhnlich stark auf Medikamente und Alkohol?
  • Bemerken Sie Details, die anderen oft entgehen?
  • Haben Sie ein besonders großes Bedürfnis nach Harmonie und Gerechtigkeit?
" [S.13, SKARICS12] In diesem Fragenkatalog von Frau Dr. Marianne Skariecs kann man gut erkennen, was man unter einem HSM versteht. Auf der einen Seite ist er Belastungssituationen eben nicht so gewachsen, er leidet unter Lärm, unangenehmen Arbeitsumgebungen, er oder sie nimmt Gefühle Anderer sehr stark wahr. Eine ruhige Arbeitsumgebung in einer erwachsenen menschlichen Umgebung sind Ideal für einen HSM. Mobbing, Dauerstress und Großraumbüros sind für HSM Grund für eine sofortige Kündigung. Allerdings sollte man in diesem Fall eher das Management entlassen und die Kultur der Firma verändern. Wo Mobbing, Dauerstress und Großraumbüros herrschen, finden wir verfehltes Managements, falsche Personalführung und unzureichende Planung.

Im Folgenden möchte ich auch die Gründe aufzählen, die [SKARICS12] für positive Aspekte Hochsensibler hält, warum es sich in jeder Firma lohnt auch diese Menschen einzustellen: "
  • ausgeprägte Intuition und die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen
  • starker Gerechtigkeitssinn und Idealismus
  • Feinfühligkeit
  • intensives Empfinden, tiefes Wahrnehmen und Erleben
  • Perfektionismus und Verlässlichkeit
  • sehr gute Detailwahrnehmung
  • sich von der Schönheit in Natur und Kunst stark angesprochen fühlen
  • Denken in größeren Zusammenhängen, tiefe Reflexion
  • starke Anteilnahme am Leid, aber auch am Glück anderer Menschen
  • Empfänglichkeit für Mystik und Symbolik
  • Kreativität
" [S.19, SKARICS12]. Es würde sich für eine Firma also lohnen ruhige Arbeitsplätze zu schaffen. Ideale Teams würden aus HSM und Nicht-HSM bestehen, die sich durch ihre unterschiedlichen Eigenschaften ergänzen. Jede Einschränkung bedeutet auch immer eine Verkürzung des Horizonts.

  • [SKARICS12] Dr.Marianne Skarics: "Sensibel kompetent", Festland Verlag Ingrid Peternell-Eder, 2.Auflage , Wien, 2007


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1 Kommentar:

  1. Ich denke das Sie das richtige Thema ergriffen haben aber zu kurz greifen. Das "Problem" mit den HS ist nur ein Symtom. Das traurige ist das von allen Symtomen die das Problem zeigen kann HS quasi den Herzstillstand anzeigt.
    Es reicht einfach nicht davon auszugehen das wir verschiedenste Menschen in einen Raum zusammenwerfen und dann davon ausgehen das die Menschen gleichberechtig zusammenarbeiten.
    Dieses Denken stammt noch aus dem 19ten Jahrhundert wo der Mensch nur der Schmierstoff zwischen den Maschienen war. Heute brauchen wir den Menschen nicht damit ein Knopf gedrückt. Heute müssen Ideen und Konzepte untereinander ausgearbeitet werden.
    Doch die Lösung von diesen Problem ist schon 14 Jahre alt. Es handelt sich um die Prinzipen von XP. Diese besagen wie diese besondere Gruppe an Menschen sich gegenseitig Wertschätz und welches Verhalten toleriert wird.
    Es muss nicht immer XP sein, doch den Verantwortlichen muss klar sein das nur expliziert gesagte Verhaltenregeln auch im Alltag gelebet und korregiert werden kann.
    Nichts ist schlimmer als "wir sprechen uns mit du an" und damit das Thema erschöpfend behandelt zu haben. Wir müssen uns eingestehen das viele Menschen die in der IT arbeiten im Grunde genommen Seelische Krüppel sind die nie ihre Unzulänglichkeiten kompenziert haben.
    Der Versuch über technische exlienz nun eine Berechitigung für sein Verhalten zu verlangen führt nur zur Verwirrung der Gesamtsituation.

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